Erlebnisbericht zur soziokratischen Wahl der Klassensprecher_innen

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Frau Roenspies wurde im Workshop im Mai nominiert, um einen Gutschein für die Moderation der Klassensprecher_innenwahl bei mir einzulösen. Dieser wurde vor zwei Wochen eingelöst.


Ein Erlebnisbericht von P. Roenspies über die Durchführung der „soziokratischen Klassensprecherwahl“


Klasse 7 der GMS Bergatreute und Klassenlehrerin P. Roenspies

Datum: 19./20.09.2019

Dauer: 8 Unterrichtsstunden


Dem Workshop vorausging die Ankündigung durch die Klassenlehrerin, dass sie bei einer Fortbildung von Lisa Praeg für dieses „Experiment“ ausgewählt wurden. Hauptsächlich deshalb, weil die Klasse als sehr offen gilt und auch schon erfahren ist im

Abhalten von selbstorganisiertem Klassenrat.

Die Haltung der Kinder war positiv.


Donnerstag, 19.09.2019

(3 Unterrichtseinheiten)


Lisa klärt den Unterschied zwischen Demokratie (das Volk entscheidet) und Soziokratie (die Gemeinschaft entscheidet). Anhand von kurzen Filmsequenzen aus dem Film „SCHOOL CIRCLE“ bekommen die Kinder einen direkten Eindruck von der Art des Gesprächs bei der offenen Wahl.


Lisa beschreibt am Beispiel der Wasserschildkröten, wie Entscheidungen in einer Gruppe soziokratisch getroffen werden. Der liebste Aufenthaltsort einer Wasserschildkröte ist das Wasser, um jedoch das Überleben der Spezies zu sichern, sind sie kompromissfähig und bereit, für eine begrenzte Zeit an den Strand zu gehen, um dort ihre Eier zu legen, die im Wasser keine Chance hätten. Sie sind jedoch nicht dazu bereit, in den vom Wasser noch weiter entfernten gefährlichen Wald zu gehen. Das würde nämlich das Leben der Spezies genauso gefährden.


Um in einer Abstimmungsrunde Zustimmung oder Ablehnung auszudrücken benutzt man folgende Möglichkeiten:

  • Ich stimme voll zu und trage diese Entscheidung für das Wohl der Gemeinschaft mit = die rechte Hand auf das Herz legen

  • Ich habe einen Einwand und diese Entscheidung nicht mitverantworten = beide Hände mit den Handflächen nach oben weisen zur Kreismitte, Einwände werden nicht als „Last“, sondern als „Geschenk“ bezeichnet

Das gemeinsame Ziel wird formuliert. Im Falle der Wasserschildkröten ist das Überleben der Spezies. Im Falle der Klasse ist es das am besten geeignete Klassensprecherteam zu finden.

In einer Kleingruppenarbeit notieren die Schüler_innen, welche Aufgaben, Verantwortung, Stärken und Fähigkeiten jemand braucht, der dieses Amt ausübt. Im Plenum werden dann die Ergebnisse gesammelt und es entsteht ein gemeinsames Klassensprecher-Profil, schriftlich und groß sichtbar.




Beobachteter Lernzuwachs Donnerstag:
  • Einwände werden als Geschenk betrachtet, man muss nochmal genauer darüber nachdenken und Lösungsmöglichkeiten gemeinsam suchen, besprechen und einordnen.

  • Ein mitgetragener bewusster Kompromiss macht die Entscheidung und damit die Gruppe stark.

  • Anhand der Filmsequenzen sehen sie, wie lebendig und konzentriert diese Form des Austauschs ist.



Freitag, 20.09.19

(5 Unterrichtseinheiten)


Durchführung der Wahl

Jeder Schüler und Fr. Roenspies nominiert jeweils 1 Person aus der Klasse für das Amt und schreibt das auch auf einen kleinen Zettel, um zunächst bei der eigenen Auswahl zu bleiben.

(Ich, Name, nominiere Name, weil Argumente anhand der Rollenbeschreibung.)



Die Moderatorin Lisa Praeg befragt jeden einzelnen der Reihe nach und notiert den Namen der nominierten Person und stichwortartig auch die Gründe, weshalb die Person von diesem Mitglied des Klassenkreises nominiert wurde; es werden keine Häufigkeitsstriche für Mehrfach-Nominierungen gemacht, die Gründe für eine Nominierung jedoch ergänzt.

Die erste Nominierungs-Runde bleibt etwas flüchtig und oberflächlich. Es fällt manchen Schülern nicht leicht, zu begründen, weshalb sie die Person am geeignetsten finden.


🡪 es entsteht eine lange Liste von ca. 10 Nominierten


Es gibt eine zweite Nominierungs-Runde, 4 Mitglieder der Klasse ändern nun ihre Nominierung. Die Moderatorin formuliert jetzt Vorschläge und befragt die Mitglieder zu ihrer Einstellung. Es ist ein anstrengender, zäher Prozess, da es zu keiner Übereinstimmung kommt und immer neue Einwände präsentiert werden. Manche Nominierten möchten das Amt nicht übernehmen.

Da der Prozess ins Stocken gerät, wird ein freiwilliges kleineres Team bestimmt, das Vorschläge für ein Klassensprecher-Duo erarbeiten soll. Die anderen nehmen draußen eine Auszeit.

Alle treffen sich wieder und die Moderatorin übernimmt den Vorschlag, den das kleine Team erarbeitet hat. Es entsteht erst ganz allmählich eine Einigung. Die Argumente werden präziser. Diese Einigung fühlt sich dann ganz ruhig und stark an.


Feiern

Um das gemeinsam gefundene Ergebnis zu feiern, gehen wir auf die große Wiese. Eigentlich wollen wir unsere 2 Klassensprecher über unsere gehaltene „Armbrücke“ transportieren. Da uns das nicht gelingt, feiern wir mit einer vom Markthändler, der gerade nebenan seinen Marktstand hat, erbetene Runde knackiger Äpfel.


Abschluss

Auf Placemats tragen die Schüler_innen in Kleingruppen schriftlich zusammen, was sie Neues erfahren und gelernt haben. Im Plenum wird das nochmal gesammelt. Es wird auch überlegt, für welche Situationen diese Art der Wahl sinnvoll ist.


Wir schauen noch ein paar kleine Sequenzen des Films „SCHOOL CIRCLE“ an und sehen, wie dieses Prinzip der offenen Wahl an manchen Schulen in den Schulalltag integriert ist.


Das sagten die Schüler_innen:

"Alle können ihre Meinung sagen und sind am Ende zufrieden."


"Ich habe gelernt, dass man kann auch gerechter abstimmen und dass meine Meinung (auch) wichtig sein kann."


"Es gibt mehr Wege zu wählen und alle können glücklich sein."


"Ich habe gelernt, dass man nicht nachgeben muss, sondern, dass man für alle Anwesenden eine Lösung finden kann, mit der alle leben können."


"Jeder konnte seine Meinung ehrlich sagen, ohne dass ihn andere ausgelacht haben."


Beobachteter Lernzuwachs Freitag:
  • Bei diesem Prozess hilft die Moderatorin einerseits dabei, Einwände nicht als „nervig“ abzutun und andererseits dabei, dass man zustimmen kann, auch wenn der Kandidat/ die Kandidatin nicht meine absoluten Favoriten sind.

  • Einwände helfen zur Klärung und zum persönlichen Wachstum, weil angesprochen wird, was sonst gedacht wird. Das Ausgesprochene kann sich entwickeln, das Nur-Gedachte nicht wirklich. Nach dieser ehrlichen Klärung, die nichts auslässt und von daher spannend und schon auch herausfordernd ist, nominiert die ganze Gruppe Menschen, denen sie ihr Vertrauen gibt. Das stärkt die Nominierten.

  • 🡪 Echtes Empowerment

  • 🡪Zufriedenheit bei allen


Eine Woche nach der Klassensprecher_innen Wahl wurde nochmals evaluiert:

Außerdem hatte ich Glückliche…

endlich mal wieder richtig Zeit mit meiner Klasse in Ruhe an etwas Interessantem zu arbeiten

die Einsicht, dass jeder mit seiner Meinung zählt und zum Wohle des Ganzen gehört werden sollte.

Kontakt

Büro für Kollaborationskultur - Lisa Praeg

Telefon + 43 680 3127376
Mail lisa@kollaborationskultur.com

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